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    Freitag, 5. September 2003
     
     
     

    St. Petersburg. Um 14 Uhr hatten wir einen Ausflug zur Eremitage gebucht. Für morgens hatte ich mir einen Termin im Beautysalon geholt - Haartönung und Gesichtspflege. Also ging ich zu 9 Uhr ein Deck tiefer. Ich wurde schon erwartet. Ich wollte meinen braunen und grauen Haare einen auberginefarbenen Ton geben. Nach der Tönung fragte mich die Friseurin, ob sie nicht vielleicht noch die Spitzen schleiden sollte, da die Haare danach voller wirken. Ich ließ die Spitzen schneiden. Nach dem Fönen hätte ich mich fast nicht wiedererkannt. Da saß eine adrette Mittvierzigerin mit einer dunkelvioletten Naturwelle. Lächelnd übergab sie mich an ihre Kollegin zur Gesichtsbehandlung. Ich habe so etwas noch nie machen lassen. Also tat ich brav, was sie sagte. Zuerst auf den Behandlungstisch legen (mit oder ohne Schuhe, wie es für Sie am bequemsten ist). Dann wurde ich mit Handtüchern eingepackt. Die gestylten Haare verschwanden in einem Plastikbeutel und dann begann die Behandlung. Zunächst abschminken, dann ein Peeling, dann eine Gesichtsmaske. Zwischendurch wurden mir noch die Augenbrauen gezupft. Dann schaltete die Kosmetikerin ihren CD-Spieler ein, aus dem angenehme Meditationsmusik drang. Ich sollte mich einfach nur entspannen. Es war so schön, daß ich vergaß, daß ich mich auf einem Schiff befand. Die Maske wurde mit warmen feuchten Tüchern entfernt. Und dann begann eine ungemein wohltuende Gesichtsmassage. Bei den nächsten Klecksen auf meiner Gesichtshaut fragte ich, was das jetzt sei. Sie meinte, das sei die Grundierung für das Makeup. Ich hatte in meiner Tasche mein Makeup mitgenommen. Aber als ich hörte, daß das Schminken auch noch zum Service gehörte, da habe ich kein Wort mehr über mein Makeup verloren. Dann durfte ich nach mehr als einer Stunde erstmals wieder die Augen öffnen. Außerdem mußte ich wieder in den Friseursalon umziehen, weil es inzwischen fast 12 Uhr war, und die nächste Kundin auf ihre kosmetische Behandlung schon wartete. Die Friseurin vollendete das Makeup mit Mascara, Lidschatten, Eyeliner, Rouge und Lippenstift. Ich erkannte mich kaum wieder. Da es fast halb eins war, eilte ich nach der Behandlung sofort ins Restaurant, um meine Mutter zu beruhigen, die langsam nervös wurde und schon zweimal nach mir gefragt hatte. Auf der Treppe begegnete mir ein Steward, der mir sagte, daß meine Mutter im Restaurant auf mich warten würde. Ich glaube, wir hatten inzwischen einen ziemlichen Bekanntheitsgrad auf dem Schiff erlangt. Am Eingang warteten zwei Stewardessen. Beide empfingen mich mit Komplimenten, daß ich wirklich schick aussähe. Auch die männlichen Bediensteten fanden Komplimente für mein Aussehen. Es ist unbeschreiblich, wie gut solche Komplimente tun. Ich war überglücklich. Meine Mutter fragte ich von hinten kommend, ob der Platz ihr gegenüber noch frei sei. Sie sah mich und war ebenfalls beeindruckt. Ich müsse nach dreieinhalb Stunden Behandlung noch kurz aufs Örtchen, dann würde ich ihr beim Essen Gesellschaft leisten. Selbst unser Mittagssteward Cem aus der Türkei war schon besorgt und fragte meine Mutter, wo ihre Tochter denn heute bleibe.

    Nach dem Essen gingen wir in die Lounge. Das ist der Raum, in dem sich die Reisenden treffen, die in Kürze zu einem Landausflug aufgerufen werden. Wir waren fast die ersten. Die Leute, die nach uns kamen, sahen mich kurz irritiert an. Sie schienen sich zu fragen, ob ich schon lange an Bord sei. Dann wurde unser Bus aufgerufen. Wir trugen uns mit unseren Bordkarten aus und gingen von Bord. Nach 100 m erreichten wir das Terminalgebäude. Dort war weit vorne - bereits hinter der Paßkontrolle - unser Reiseleiter zu sehen. Wir schoben uns in Zweierreihen auf die Paßkontrolle zu. Auf meiner Seite kontrollierte eine Russin mittleren Alters in einem Häuschen, das aussah wie damals in Berlin an der Grenze. Als ich an die Reihe kam, nahm sie den Paß, blätterte drin rum, sah mich an, stutzte, sah sich nochmal den Paß an, schien irgendwelche Notizen zu machen. Dann sah sie mich wieder an und gab mir meinen Paß zurück. Meine Mutter berichtete später, daß die Russin mir noch einige Zeit hinterhergeschaut hätte. Hätte sie auch nur einen Ton gesagt, dann hätte ich ihr sofort den griffbereiten dgti-Ausweis mit russischer Übersetzung hingereicht. Aber sie wollte ja nicht. Ihr Pech! Ich war nach Russland eingereist. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Wirklich! Am Ausgang aus dem Gebäude wartete bereits der Reiseleiter und winkte uns zu unserem Bus. Wir fuhren 45 Minuten zur Eremitage, der größten Bildersammlung Russlands. Die zweieinhalb Stunden waren allenfalls ein Appetithappen. Man braucht mindestens eine Woche für einen richtigen Besuch. Die Russen im Museum interessierten sich nicht ein bißchen für mich, nur die anderen Mitreisenden stierten mich fast pausenlos an. Gegen Ende des Besuches im Museumsshop wollte meine Mutter ein Buch über die Eremitage kaufen. Wieder zückte ich meine Kreditkarte. Und wieder gab es weder Rückfragen noch irgendwelche Blicke. In Russland leben also auch nur Menschen. Auch die Ausreise stellte kein Problem dar. Bei der Abholung der Kabinenschlüssel an der Rezeption bekam ich noch mal ein dickes Kompliment für mein Aussehen. Da habe ich mir gleich einen Termin für die Abschiedsgala geholt (Haare fönen und Abendmakeup).