Hallo Marisa, nachdem die Schüsse auf diese Aktivisten in Polen bekannt geworden waren, hatte ich geschrieben, daß ich im September nach Polen fahren würde und berichten würde, wie es mir dort ergangen ist. Du hattest darauf geantwortet, daß Du auf diese Beschreibung gespannt bist. Das war am 1. Juli 2005! Und ich möchte mich dafür bei Dir entschuldigen, daß ich bis heute mein Versprechen nicht eingelöst habe. Der Grund war, daß ich genau an dem Wochenende (10./11. September 2005), an dem wir in Polen waren, ich mich von meiner Ehefrau nach 10 Jahren Ehe getrennt habe. Und erst jetzt bin ich in der Lage, diese für mich furchtbare Zeit aufzuarbeiten. Wir fuhren am 9. September mit meinem Pkw mit meiner Mutter und meinem Bruder in Richtung Polen. Am Grenzübergang Kostrzyn war niemand zu sehen, der uns kontrollieren wollte. Als wir am Zielort Skwierzyna (ehemals Schwerin/Warthe) am Hotel ankamen, zeigte ich kurz meine AmEx-Karte beim Empfang vor, denn ich hatte die Reise mit meiner Karte im Internet gebucht. Die Karte war als Partnerkarte ausgestellt und lautete auf den Namen Beatrice Knorr. Der Mann sah sie sich kurz an und dann mich. Er schien leise Zweifel zu haben, ob ich wirklich die Frau sei, deren Name auf der Karte stand. Dann akzeptierte er sie aber und wir waren eingecheckt. Während des Nachmittags auf der Gartenterrasse wurde ich zuvorkommend, aber leicht distanziert behandelt. Beim Abendessen war davon kaum noch etwas zu spüren. Und auch am nächsten Tag, als meine Mutter uns ihre Geburtsstadt mit heute gut 10000 Einwohnern zeigte, passierte nichts. Ich wurde weder schräg angesehen noch angesprochen. Ob die Leute etwas über mich gesagt haben, weiß ich nicht, da ich kein polnisch spreche. Als wir am Sonntagmorgen unausgeschlafen (am Samstagabend hatte eine Hochzeitsgesellschaft sich im Hotel zum Feiern eingefunden) das Hotel wieder verließen, wurde ich beim Bezahlen freundlich behandelt. Und auch die Ausreise aus Polen war mangels Grenzbeamten unspektakulär. Selbst als ich mir auf dem Polenmarkt kurz vor der Grenze noch zwei neue BHs gekauft hatte, war die Verkäuferin sehr nett zu mir. Lediglich ein paar Jugendliche (wie immer) kicherten vom Gang her. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß ich mich dezent gekleidet habe: Hose, Pumps und dem Wetter entsprechend T-Shirts und Tops. Zum Abendessen erschien ich mit Hosenanzug. Das, was also damals im Forum über Repressalien gegenüber Transvestiten und Transsexuellen zu lesen war, kann ich für die Reise nicht bestätigen. Liebe Grüße Beatrice Was sonst noch an diesem Tag geschah: Am Morgen vor der Fahrt nach Polen bin ich noch mit dem Auto zum Ortsamt gefahren und habe mich polizeilich auf Bremen umgemeldet. Und ich habe beantragt, dass das Ummeldedatum als Beginn des Trennungsjahres eingetragen werden soll. In Skwierzyna angekommen, habe ich mich bei meiner Ehefrau in Norderstedt gemeldet, um ihr von unserer wohlbehaltenen Ankunft in Polen zu berichten. Es wurde ein alptraumhaftes Gespräch. Sie schrie und heulte am Telefon, wollte mich zu sich zurückhaben - als Mann -, was ich weder wollte noch konnte. Und wegen der Weinkrämpfe konnte ich auch nicht mal eben das Gespräch beenden. Das Telefonat dauerte mehr als 45 Minuten, bis wir endlich den Punkt erreicht hatten, an dem wir auflegen konnten, ohne jedoch einander näher gekommen zu sein. Der Alptraum war zuende, aber er ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Die Telefonkosten habe ich dagegen recht schnell verschmerzt.
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