Die Reise beginnt. Nachdem uns das Taxi zum Busbahnhof von Bremen gebracht hat, warteten wir (meine Mutter und ich) dort auf unseren Bus, der uns nach Bremerhaven zum Columbusterminal bringen sollte. Anfangs "warteten" neben uns ca. 60 Jugendliche, die Bremen besucht hatten, auf ihre Busse. Da sie sich ziemlich laut und lebhaft gebardeten, versuchte ich mich möglichst unauffällig zu verhalten. Dazu gehörte auch das Schließen der Hände, damit die lackierten Fingernägel nicht sofort aufblitzten. Als sie endlich eingestiegen und abgefahren waren, sammelten sich in unserer Umgebung immer mehr ältere Paare und Einzelpersonen. Zu dem Zeitpunkt erklärte mir meine Mutter, daß ein Mitreisender bei einer früheren Kreuzfahrt ihr einmal erklärt hatte, was das MS im Schiffsnamen bedeutet: Mumienschiff. Und so ähnlich sah es in meiner Umgebung auch aus. Das konnte ja noch heiter werden. Der Bus verfügte über modernste Technik. Wie bei einem Flugzeug wurde über Monitor die Route des Busses angezeigt (mit Dorfnamen, Flüssen, Entfernungen bis zur nächsten Abfahrt und Navigationshinweisen). In Bremerhaven angekommen, checkten wir ein und passierten dann ganz schnell unseren Abschiedschor, der uns mit Shanties in die Flucht zu singen versuchte. Auf der Gangway zum Schiff wurde ich mit meiner Mutter dann zum ersten Mal vom Bordfotografen abgelichtet. Das Foto machte später einen recht unscheinbaren Eindruck. An der Rezeption erhielten wir dann unsere Bordkarten, die für die nächsten 2 Wochen Kreditkarte und Ausweis sein sollten. Ein Blick auf meine Karte enttäuschte mich doch sehr. Daß für die Hafenbehörden mein früherer männlicher Vorname verwendet werden mußte, hatte ich von der Reederei bereits telefonisch erfahren. Aber daß ich an Bord jetzt auch als Mann behandelt werden sollte, ließ meine Freude auf die Kreuzfahrt doch augenblicklich verfliegen. Ich stellte mich auf 2 quälende Wochen ein, wollte aber noch einen Versuch unternehmen, mein Schicksal zu beeinflussen: Ich hatte der netten Dame bei der Reederei meine Situation geschildert und sie hatte mir zugesagt, daß sie eine entsprechende Nachricht an das Schiff geben wollte. Also ging ich in die Bibliothek, in der die Restaurantchefin des Schiffes, Diana, für Probleme zur Verfügung stand. Ich begann gerade zu erzählen, daß ich mich seit 1 1/2 Jahren im Alltagstest befände, als sie mich unterbrach. Sie wisse Bescheid und werde sich darum kümmern, daß ich an Bord entsprechend meinem Wunsch behandelt werde. Hoffnung keimte auf dem Weg zu unserer Kabine in mir auf. Dort gerade angekommen, klingelte das Kabinentelefon. "Frau Knorr, hier ist das Kabinen-Management. Ich habe Rücksprache genommen und Sie bekommen gleich eine neue Bordkarte auf ihre Kabine". Als es an der Tür klopfte und mir die neue Karte mit dem Vornamen Beatrice überreicht wurde, standen mir die Tränen vor Glück in den Augen. Die alte Karten könne ich wegwerfen. Die Reisestimmung war wieder auf einem Hoch. Abends gingen wir zu unserem Vierertisch im Restaurant. Meine Mutter meinte später am Tisch zu mir, es sah aus wie ein Spießrutenlauf. Fast alle Leute hätten sich nach mir umgedreht (ich bin zwar nicht flach wie ein Brett, aber meine Oberweite empfinde ich dennoch als wohl proportioniert). Mal sehen, was mich beim Abendessen erwarten würde. Uns gegenüber saß ein älteres Ehepaar, bei dem der Ehemann etwas schwerhörig zu sein schien. Sie stellten sich als Kölner vor. Meine Mutter präsentierte uns als Mutter und Tochter, was die beiden anscheinend nicht so richtig verstanden haben. Erst als unsere Tischstewardess sich vorstellte und uns mit den Worten "Guten Abend, die Damen" begrüßte, gab es eine kurze Rückfrage: "Wir dachten, dät is ihr Sohn". Nach einer Richtigstellung war das Thema dann auch schon wieder durch und ich war akzeptiert. Die Mitteilung der Reederei hatte sich fast über das gesamte Schiff verbreitet. Denn ob nun im Captains Club beim Drink, an der Rezeption oder im Clipper Salon bei Kaffee und Kuchen, überall wurde ich als Frau Knorr begrüßt.
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