Vor diesem Tag hatte ich seit 2 1/2 Jahren Angst - dem Tag des Outings am Arbeitsplatz. Seit ich auf einer betrieblichen Weihnachtsfeier der damals einzigen Frau in unserem Unternehmen anvertraut hatte, daß ich in meinem Innersten eine Frau sei, wußte ich, daß irgendwann der Moment kommen würde. Nur war ich lange Zeit noch nicht soweit. Immer stand die Sicherheit meiner Arbeit und das Einkommen für mich und meine Ehefrau obenan und der Drang der Frau in mir mußte zurückstehen. Doch dieser Drang war in den letzten Jahren immer stärker geworden. Zuletzt konnte ich ihn fast nicht mehr aushalten. Obwohl ich - verglichen mit anderen Leidensgenossinnen - als selbständige Unternehmerin eine vergleichsweise sichere berufliche Position hatte, so hatte ich dennoch Angst. Zum einen hatte ich bei einem unserer beiden Geschäftsführer lange schon das Gefühl, daß er meiner Entwicklung ablehnend gegenüberstand. Er äußerte mehrfach sein Mißfallen mit Worten wie "Ich habe ein Problem mit Dir". Zum anderen fürchtete ich den Vorwurf, für die Kunden unseres Unternehmens nicht mehr tragbar zu sein. So ging ich heute mit äußerst flauem Gefühl im Magen in die diesjährige Gesellschafterversammlung. Nach den Pflichtpunkten der Tagesordnung und einer kurzen Pause stand nun der Punkt "Aussprache" an und damit wohl das Tribunal, auf das ich mich mit einigen Argumenten, so gut es ging, vorbereitet hatte. Es begann mit den Worten: Wir müssen über dich sprechen." Und dann wurde ich gefragt, wie ich mir meine Zukunft im Unternehmen vorstellen würde. Alle hätten bemerkt, daß meine Kleidung, meine Schuhe und auch mein übriges Äußeres sich deutlich in eine bestimmte Richtung verändert hätten. Und mein Auftreten im Kleid im Außendiensteinsatz während der abendlichen Freizeit hätte auch Irritationen ausgelöst. Wie solle es also mit mir weitergehen? Ich nahm meinen gesamten Mut zusammen und sagte: "Ich möchte als Frau arbeiten." Als ich die Antwort auf meinen Vorschlag bekam, wäre ich fast in die Luft gesprungen. Mein Vorschlag würde endlich die Unklarheiten beseitigen und werde akzeptiert. Als ich dann fragte, ob ich künftig den Namen Beatrice auch gegenüber Kunden verwenden dürfte, wurde mir klargemacht, daß ich doch soeben bereits die Zustimmung dafür erhalte hätte. Ich war Frau Knorr geworden. Und als diese konnte ich gleich meinen ersten Rückschlag einstecken: Da man mit meinen programmiertechnischen Fähigkeiten nicht einverstanden war (ich hatte wohl "zu kundenorientiert" gearbeitet), wurde mein Einkommen um 30% gekürzt und ich wurde von weiteren Kundeneinsätzen ausgenommen. Ein wahrer Pyrrhussieg!
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