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    Montag, 4. April 2005
     
     
     

    Nun hatte ich einige Wochen meine Feldstudien getrieben. Nicht, weil meine Frau mir das empfohlen hatte, sondern weil ich selber für mich wissen wollte, wie meine Umgebung mich wahrnimmt. Ich wollte damit etwas für mich allein tun. Ich hatte Mitmenschen gefragt, die mich nicht oder nur kurz kannten (wie eine Fachärztin, bei der ich in Behandlung war), als was sie mich wahrnehmen würden. Das Ergebnis war immer das Gleiche und es war niederschmetternd: Von Aussehen und Sprache her sei ich eindeutig Mann, nur vom Verhalten her Frau. Das Niederschmetternde daran war, daß ich mir damals in der ersten Therapie zum Ziel gesetzt hatte, nach dem Wechsel als normale Frau zu leben, ohne besonders aufzufallen und mich so nahtlos wie möglich wieder in die Gemeinschaft einzufügen. Dabei hatte ich auch sehr viel auf die Hormonbehandlung gesetzt. Ich hatte gehofft, die Östrogene würden mein Äußeres (das, was im öffentlichen Leben davon sichtbar ist :-) soweit verändern, daß ich damit problemlos als Frau durchgehen würde. Vielleicht hatte ich mein Ziel viel zu hochgesteckt. Auf jeden Fall mußte ich feststellen, daß meine Umgebung mir signalisierte, daß ich dieses Ziel nicht erreichen würde, nicht erreichen konnte.

    Was jetzt in meiner Entwicklung noch vor mir lag, war die geschlechtsangleichende Operation. Und die würde mich nach außen hin nicht so grundlegend verändern, daß mich jeder als Frau ansieht.

    Mit dieser Erkenntnis kam ich nicht zurecht. Ich hatte mich seit nunmehr 20 Jahren (anfangs unbewußt) auf dem Weg vom Mann zur Frau befunden und bin auf diesem Weg wirklich weit vorangekommen. Ich war auch stolz darauf. Und nun ging es plötzlich nicht mehr weiter. Ich stand vor dem Nichts. Was sollte ich machen? Ich hatte den Vorgesprächstermin für die Op bereits in der Tasche. Auf jeden Fall wollte ich meine Entwicklung erst einmal bis auf weiteres einfrieren. Keinen Schritt weiter in Richtung Frau, aber auch keinen Zurück in Richtung Mann! Ich mußte erst einmal wissen, wie es weitergehen kann, bevor ich mich entscheide, einen Schritt in irgendeine Richtung zu tun. Und dies sollte unbeeinflußt von dem geschehen, was sich meine Ehefrau von mir erhofft.

    War in der siebenjährigen Therapie (genauer: therapeutischen Begleitung, denn die Sitzungen lagen zu weit auseinander, als daß man von einer Therapie reden konnte) irgendwas schiefgelaufen? Es hätte doch auffallen müssen, daß Wunsch und Realität soweit auseinanderklaffen, daß das niemals deckungsgleich werden konnte. Oder war ich mir selber gegenüber nicht ehrlich und hatte das verschwiegen und verdrängt, was nicht zu dem Ziel Frau paßte? Das alles beschäftigte mich in den vergangenen Tagen und wirkte sich gravierend auf mein Leben aus: Magenkrämpfe, ständiges Nasenbluten und Bandscheibenprobleme.

    In meiner Verzweiflung wandte ich mich heute an meine Hausärztin und ließ mir eine Überweisung zu einem Psychologen geben, der mich noch nicht kannte und unvoreingenommen behandeln konnte. Sie fand das in meiner Situation auch eine sehr gute Idee. Über Internet und Foren bekam ich zwei Adressen von SpezialistInnen, die ich sofort anrief. Eine Psychologin blockte sofort ab, weil sie vorläufig niemanden aufnehmen könne, trotz meiner Verzweiflung. Der Arzt, ein bekannter und kompetenter Psychiater aus dem Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf erlöste mich und gab mir einen Termin für den 11. April um 9 Uhr. Ich war deutlich erleichtert. Es tat sich was.