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    Montag, 11. April 2005
     
     
     

    Seit ich heute morgen aufgestanden bin, geht es mir nicht gut. Ich habe einfach Angst vor der Therapiestunde. Mich plagen wieder Magenkrämpfe, weil ich nicht weiß, was bei dieser Sitzung herauskommen wird. Ich habe eigentlich nur Panik vor dem Ergebnis. Ob die Waage sich nun in Richtung Mann oder Frau neigen wird. Denn das weiß ich, eines von beiden wird passieren. Und beides hat gravierende Konsequenzen für mich:

    Mann bedeutet, daß ich fast meiner gesamten Umgebung klarmachen muß, daß ich nun wieder Mann bin und als solcher angesehen werden möchte. Die größte Katastrophe wäre dies am Arbeitsplatz. Dort habe ich in mehrjähriger Praxis (Alltagstest) und mit Penetranz nun auch den letzten Trottel davon überzeugt, daß ich Frau Knorr bin. Und das ganze wieder umzudrehen. Wenn ich dabei nicht völlig mein Gesicht verliere und mir einen neuen Wirkungskreis suchen kann ...

    Frau bedeutet hingegen, zwar meinen Weg weiterzugehen, aber auch unweigerlich in die Scheidung zu laufen. Und das bei einer Ehefrau, die ich so mag, daß ich ihr eigentlich nicht wehtun mag. Außerdem kann sie es auch nicht wegstrecken, weil ihre psychische Verfassung auch nicht die stabilste ist. Da müßte ich mit dem schlimmsten rechnen ...

    Also fuhr ich bis in die Haarspitzen angespannt und verkrampft zum Universitätskrankenhaus. Dort mußte ich erst mal ein mehrseitiges Formular aufnehmen. Probleme hatte ich dabei mit dem derzeit empfundenen Geschlecht. Ein kurzer nach innen gewandter Blick und ich ließ diesen Punkt bewußt offen.

    Während der Sitzung brach ich mehrfach in Tränen aus, so labil und psychisch fertig war ich. Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn ich dort etwas anderes hätte sein können als zuhause. Am Ende der Stunde stand jedenfalls die Erkenntnis, daß es da noch mehr als die Dualität Mann - Frau gibt. Vielleicht nicht im Sinne von einem Dritten Geschlecht, sondern mehr im Hinblick auf die Vielfalt der Geschlechter-Lebensweisen. Und das kostbarste, was ich mit auf den Weg nahm, war, daß es für mich keinen Zeitdruck gibt. Ich muß mich nicht zwischen Mann und Frau entscheiden, und ich muß mich auch nicht hier und jetzt entscheiden, wie ich künftig leben will. Dieses Ergebnis erleichterte mich derart, daß ich draußen an der Bushaltestelle zum ersten Mal an diesem Tag lächelte.

    Natürlich mußte ich im Büro via Messenger gleich nachhause berichten, was bei der Sitzung herausgekommen war. Nach den häufigen Enttäuschungen der vergangenen Jahre vermochte das Ergebnis natürlich kein neues Vertrauen aufbauen, aber die schlimmsten Befürchtungen meiner Ehefrau, die Zementierung des Weiblichen, erfüllten sich auch nicht.