Ich habe lange gebraucht, bin ich genügend Kraft hatte, diesen Eintrag zu schreiben. Denn lange Zeit konnte ich nicht darüber berichten. Es tat einfach zu sehr weh, an die Geschehnisse dieses Mittwochs zu denken, geschweige denn sie in Worte zu kleiden. Noch jetzt beim Schreiben plagen mich Magenkrämpfe - und es ist über 4 Monate her ... Eigentlich war es ein ganz normaler Arbeitstag, bis es gegen 13.30 Uhr an der Haustür des Bürogebäudes, in dem ich arbeite, klingelte. Wie üblich öffnete und hörte jemanden die Treppe hochkommen. Durch das Treppengeländer erkannte ich eine Etage unter uns meine Ehefrau. Panik ergriff mich. Wenn sie mich so sehen würde, dann bräche eine Welt für sie zusammen. Also rannte ich nur Toilette und wusch mir in aller Eile das Makeup, das ich zum Abdecken meines Bartschattens benutzte, aus dem Gesicht. Schnell noch abgetrocknet und dann zurück zur Tür. Sie irrte bereits durch den Flur auf der Suche nach mir. Ich begrüßte sie erstaunt und ging mit ihr in mein Büro. Sie betrachtete mich kurz und fragte dann, ob das an meinem Kinn Makeup sei. Mist, ich habe es nicht geschafft, alles abzuwaschen. Ihr Gesicht versteinerte und ihre Worte bekamen einen unnahbaren Ton. Sie berichtete davon, daß man ihr auf der Treppe zu einer U-Bahn-Station ihr Portemonnaie aus dem Rucksack gestohlen hatte und sie nun ein Treffen mit einer Freundin absagen müsse und deshalb zum Telefonieren ins Büro gekommen sei. Sie telefonierte kurz und verabschiedete sich von mir mit versteinerter Miene und knappen Worten. Da saß ich nun. Paralysiert. Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Jahrelang schon arbeitete ich als Frau in der Firma und niemand - außer der Sekretärin - wußte von dem Doppelleben, daß ich zuhause führen mußte. Ich brachte die Zeit bis zum Feierabend irgendwie rum und machte mich dann auf den schweren Weg nach hause. Dort traf ich niemanden an. Ich setzte mich vor meinen Computer, konnte aber im Gegensatz zu sonst nichts mit ihm anfangen. Statt dessen vergrub ich mein Gesicht in meinen Händen und spürte nur Traurigkeit, aber keinen einzigen Gedanken. Als meine Frau nachhause kam, hagelte es sofort böse Bemerkungen, die wehtun sollten und dies auch taten. In der Auseinandersetzung, die dann folgte, dachte ich "wenn schon alles verloren ist, dann kannst du auch mit der ganzen Wahrheit herausrücken". Und so beantwortete ich die Frage nach Hormonen wahrheitsgemäß, daß ich sie seit fast zwei Jahren unter ärztlicher Aufsicht einnehme. Für meine Frau brach eine Welt zusammen. Sie hatte immer noch geglaubt, sie könne mich halten als den Ehemann, der ich immer für sie war bzw. spielte. Aber diese Offenbarung hatte eine neue Qualität. Es folgten im Wechsel sachliche Unterhaltungen über die Scheidung, Weinkrämpfe auf beiden Seiten, Beschimpfungen und Wurfattacken. Während einer der sachlichen Unterhaltungen meinte meine Ehefrau zu mir, ich solle mal fragen, wie meine Umgebung mich sieht. Alle sagen, ich sei und wirke wie ein Mann. Ich solle doch nur selber mal in meiner Umgebung herumfragen. Eigentlich nur ein Vorschlag, den sie in den Raum geworfen hatte ohne Hoffnung, ich würde ihn aufgreifen. Ich ahnte nicht im geringsten, was aus diesem Vorschlag noch werden sollte.
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