Nachdem ich vor einigen Wochen beim Abteilungsleiter EDV der Firma in Karlsruhe vorbesprochen hatte, zu der mich unser Unternehmen für einen längerfristigen Auftrag geschickt hatte, daß ich gerne als Frau in der Abteilung arbeiten möchte, weil das meinem wahren Empfinden entspräche, und er gemeint hatte, daß er dazu noch mit dem Geschäftsführer darüber sprechen müsse, fragte ich heute einfach mal nach. Denn ewig wollte ich nicht auf die Entscheidung warten. Dabei hatte ich komischerweise im Kopf, daß die Entscheidung zu meinen Gunsten fallen müsse.
Der Abteilungsleiter sagte mir, daß er mit dem Geschäftsführer auf einer Messe gesprochen hätte und dieser einverstanden sei. Glücklich und aufrecht verließ ich das Büro. Doch nun begann bei mir etwas, daß man als eine Art Lampenfieber bezeichnen konnte. Ich hatte von Hannah, einer Freundin, eine Vorlage für eine erklärende Mitteilung an die Mitarbeiter des Unternehmens bekommen, die ich nun für mich anpaßte. Doch wie würde die Reaktion sein? Und wie soll ich mich verhalten. Irgendwie war an einen natürlichen Umgang mit dem Outing nicht mehr zu denken. Ich verkrampfte immer mehr. Schließlich machte ich meiner Aufregung Luft, in dem ich ins Sekretariat ging - wo ich schon öfter zu kurzen Unterhaltungen gewesen bin - und dort etwas geheimnisvoll erklärte, daß ich am morgigen Freitag Urlaub nehmen würde, weil ich hier in Karlsruhe Besuch aus dem Norden bekommen würde und in meiner Abwesenheit eine Bombe platzen würde. Neugierig geworden, fragten die Sekretärin und ihre Kollegin, was das für eine Bombe sei. Ich sagte, ich würde die entsprechende Mail schon mal vorab an beide schicken. Als ich danach wieder ins Sekretariat kam, hatten beide die Mail schon bekommen und angelesen. Die Sekretärin meinte, sie hätte sich schon sowas in der Art gedacht und beide bewunderten meinen Mut und gratulierten mir zu meinem Schritt. Ich solle mich doch mal zu den beiden setzen und dann unterhielten wir uns fast eine Stunde über das Thema. Abschließend meinte die Sekretärin noch, daß sie auch in der Toilettenbenutzungsfrage meinen Wechsel befürworte und wenn Damen anderer Unternehmen des Hauses aufmucken sollten, dann würde sie denen schon klarmachen, daß das so in Ordnung sei. Irgendwie war ich erleichtert. Doch in dem Unternehmen gab es mehr als nur die beiden. Es waren ca. 40 Mitarbeiter, darunter ein Kollege aus unserem Hamburger Unternehmen. Unglaublich nervös erwartete ich den Feierabend, schloß alle Programme bis auf das Mailprogramm, schickte als letztes die Rundmail raus, fahr den Rechner runter und verließ ganz schnell das Haus.
Falls jemand an dem Schreiben interessiert ist und es selber verwenden mchte - hier ist es:
An: RZ Mitarbeiter Thema: Neue
Mitarbeiterin
Hallo,
mit dieser Mail möchte ich kurz über eine für mich recht wichtige Entscheidung informieren.
Schon eine Weile laufe ich - was sicherlich kaum jemandem entgangen sein dürfte - relativ ungewöhnlich herum; außerdem beschäftigt mich schon einige Zeit das Gefühl, daß ich mich definitiv nicht als Mann, sondern als Frau identifiziere.
Ich habe schon länger darüber nachgedacht, wie ich mit diesen Gefühlen umgehen soll, und bin mit der Zeit zu dem Entschluß gekommen, daß meinen Gefühlen am ehesten ein Leben als Frau gerecht wird. Vor ca. zwei Jahren habe ich mir einen weiblichen Vornamen, nämlich Beatrice, gewählt, und in meinem Bekannten- und Freundeskreis auch um die entsprechende Anrede gebeten. Diese Zeit hat mir gezeigt, daß der eingeschlagene Weg für mich der richtige ist. Daher möchte ich diesen Schritt nun auch am Arbeitsplatz gehen.
Ich weiß, daß es schwierig ist, aber ich möchte alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darum bitten, mich von jetzt an als Frau Knorr bzw. Beatrice anzureden. Dabei ist mir klar, daß es Zeit braucht, sich daran zu gewöhnen. Diese Zeit gewähre ich gerne.
Bei Fragen oder Probleme bin ich jederzeit gerne bereit, mich persönlich, telefonisch, oder auch per EMail damit individuell
auseinanderzusetzen.
Mit freundlichem Gruß, Beatrice Knorr
(bisher xxx Knorr).
|